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Warum Ihr Wecker zur Minute 49 klingeln sollte

Ein stündlicher Wecker zur krummen Minute, drei Atemzüge, ein kurzer Dank. Warum dieser kleine Alarm Ihre nächste Antwort im Büro freundlicher machen kann.

Rolf Schmiel ·

Kennen Sie das? Stellen Sie sich vor: Dienstag, kurz nach elf, ein Großraumbüro im Vertriebsinnendienst. Teamleiterin Sabine hat gerade einen Kunden am Telefon, der seit zehn Minuten über eine verspätete Lieferung schimpft. Parallel ploppt eine Mail vom Geschäftsführer auf, Betreff: „Zahlen bitte a.s.a.p.“. Und dann steht auch noch der Azubi in der Tür: „Du, Sabine, nur mal ganz kurz …“ Sabine legt die Hand über die Sprechmuschel und zischt: „Jetzt nicht! Siehst du nicht, dass ich telefoniere?“ Der Azubi verschwindet. Leise. Und kommt die nächsten zwei Wochen mit Fragen lieber nicht mehr zu ihr.

Sabine ist übrigens kein schlechter Mensch. Sie ist eine gute Führungskraft, die ihr Team mag. Aber in diesem Moment hat nicht Sabine geantwortet, sondern ihr Stresspegel. Und der hat bekanntlich keine Kinderstube.

Wenn der Stoßdämpfer fehlt

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir reagieren, bevor wir nachgedacht haben. Der spitze Kommentar im Meeting. Die patzige Antwort auf die Kundenmail. Das genervte Augenrollen, wenn die Kollegin zum dritten Mal dieselbe Frage stellt. Hinterher denken wir: Musste das sein? Natürlich nicht. Aber es ist passiert.

Achtsamkeit klingt für viele nach Räucherstäbchen und Klangschale. Im Kern ist sie viel handfester: Es geht darum, einen kleinen Puffer zwischen Reiz und Reaktion zu legen. Was ich in meinem Buch das Bandscheibenprinzip nenne. Die Bandscheibe sitzt zwischen den Wirbeln und federt die Stöße ab, damit nicht Knochen auf Knochen kracht. Genau so ein Polster brauchen wir zwischen dem, was auf uns einprasselt, und dem, was wir daraufhin tun. Ist das Polster da, können wir wählen. Ist es weg, kracht es.

Psychologisch geht es dabei um Emotionsregulation, also die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu beeinflussen, statt sich von ihnen steuern zu lassen. Das Tückische: Diese Fähigkeit ist ausgerechnet dann am schwächsten, wenn wir sie am dringendsten bräuchten. Unter Druck schaltet unser Gehirn auf Autopilot. Und der Autopilot kennt nur zwei Programme: Angriff oder Rückzug. Wer in diesem Modus steckt, denkt nicht daran, mal kurz innezuhalten. Das ist ungefähr so, als würde man sich vornehmen, beim Sprint ans Dehnen zu denken.

Deshalb Klartext: Gute Vorsätze reichen nicht. Wer achtsamer führen will, braucht einen Reminder von außen. Etwas, das uns aus dem Tunnel holt, bevor der Tunnel uns verschluckt.

Ding-dong, Sie sind gemeint

Was also tun? Ich empfehle Ihnen etwas, das ich in meinem Buch den Achtsamkeits-Alarm nenne. Und so geht es konkret:

  1. Stellen Sie sich in Ihrem Handy einen Wecker, der tagsüber jede Stunde klingelt. Nicht zur vollen Stunde, sondern zu einer krummen Minute, zum Beispiel immer zur Minute 49. Also um 8:49, 9:49, 10:49 und so weiter, bis Feierabend.
  2. Wenn der Alarm ertönt, halten Sie kurz inne. Egal, ob Sie gerade eine Mail tippen, eine Tabelle prüfen oder im Flur stehen.
  3. Atmen Sie dreimal tief durch. Langsam ein, noch langsamer aus.
  4. Nehmen Sie bewusst wahr, wo Sie gerade sind: Was sehen Sie? Was hören Sie? Wie sitzen Sie (oder hängen Sie eher im Stuhl wie ein nasser Mantel)?
  5. Und dann spüren Sie für einen Moment Dankbarkeit für etwas, das Sie gerade erleben. Der Kaffee, der noch warm ist. Die Kollegin, die Ihnen vorhin den Rücken freigehalten hat. Der Kunde, der zwar nervt, aber immerhin noch Kunde ist.

Das Ganze dauert keine Minute. Dann machen Sie weiter, als wäre nichts gewesen. Nur eben ein bisschen klarer im Kopf.

Warum die krumme Minute? Ganz einfach: Zur vollen und zur halben Stunde beginnen die meisten Termine. Da wollen Sie nicht gerade mit Ihrer Atemübung in den Begrüßungssmalltalk platzen. Die Minute 49 ist dagegen meist Niemandsland im Kalender. Wenn Sie übrigens eine andere krumme Zahl mögen, nehmen Sie die. Hauptsache, sie kollidiert nicht mit Ihrem Terminrhythmus.

Natürlich kann man sich fragen, ob man als gestandene Vertriebsleiterin oder gestandener Abteilungsleiter wirklich jede Stunde von seinem Handy zum Atmen aufgefordert werden muss. Ehrliche Antwort: Ja. Wir lassen uns schließlich auch daran erinnern, Wasser zu trinken, den Reifendruck zu prüfen und das Passwort zu ändern. Warum nicht daran, kurz bei uns selbst vorbeizuschauen? Und falls der Wecker doch einmal im Meeting losgeht: Stellen Sie auf Vibration. Dann merkt es nur Ihr Oberschenkel.

Der Glockenschlag fürs Großraumbüro

Der Hintergrund: Früher gab es in fast jedem Ort einen eingebauten Achtsamkeits-Alarm. Die Kirchturmuhr. Wenn sie schlug, hoben die Leute auf dem Feld kurz den Kopf, wurden sich der Zeit bewusst, manche sprachen ein kurzes Gebet. Ein kollektiver Moment des Innehaltens, ganz ohne App. Heute sitzen wir in Büros mit Doppelverglasung, und der einzige Klang, der uns regelmäßig erreicht, ist der Benachrichtigungston neuer Mails. Der holt uns allerdings nicht in den Moment zurück, sondern schubst uns tiefer in den Büro-Wahnsinn.

Der Alarm dreht dieses Prinzip um. Statt eines weiteren Reizes, auf den Sie reagieren müssen, bekommen Sie einen Reiz, der Sie zum Nicht-Reagieren einlädt. Jede Stunde wird so ein kleines Training für Ihre Bandscheibe zwischen Reiz und Reaktion. Und wie bei jedem Training gilt: Es kommt auf die Wiederholung an. Vielen fällt es nach einigen Tagen leichter, auch zwischendurch, ohne Wecker, kurz innezuhalten, bevor sie antworten. Probieren Sie es aus.

Für Teams übrigens auch spannend: Manche Vertriebsmannschaften nutzen so einen gemeinsamen Moment vor der Telefonrunde. Drei Atemzüge, eine Sache, für die man heute dankbar ist, und dann ab an den Hörer. Klingt banal. Kann aber die Tonlage im ersten Kundengespräch spürbar verändern.

Wohlgemerkt: Der Achtsamkeits-Alarm ist ein Erste-Hilfe-Pflaster für den Alltag, kein Ersatz für echte Pausen, vernünftige Arbeitsmengen und eine Führungskultur, die Menschen nicht verheizt. Wenn Ihr Akku dauerhaft im roten Bereich ist, hilft auch der schönste Glockenschlag nichts. Und wer merkt, dass Anspannung, Gereiztheit oder Erschöpfung über Wochen nicht mehr weggehen, sollte sich ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung holen. Das ist dann der richtige Weg.

Neunundvierzig ist die neue Null

Und Sabine? Stellen Sie sich vor, ihr Handy hätte an diesem Dienstag um 10:49 kurz vibriert. Drei Atemzüge, ein kurzer Blick aus dem Fenster, ein Gedanke an den netten Kunden vom Morgen. Vielleicht hätte sie zwanzig Minuten später trotzdem den Kopf geschüttelt, als der Azubi in der Tür stand. Aber vielleicht hätte sie ihm auch einfach einen Zettel hingeschoben: „Gib mir fünf Minuten.“ Ein kleiner Unterschied für Sabine. Ein großer für den Azubi.

Also: Handy raus, Wecker auf Minute 49, und ab morgen klingelt Ihre persönliche Kirchturmuhr. Deal? Mehr dazu steht in meinem Buch „Psychohacks“.

Mit KI-Unterstützung erstellt, von Rolf Schmiel geprüft und freigegeben.